Warum deine Nutzer das Handbuch aufschlagen und was das über deine Software aussagt

Deine Anwendung läuft einwandfrei. Alle wichtigen Funktionen sind umgesetzt und deine Entwickler haben gute Arbeit geleistet. Und trotzdem häufen sich Fragen zu bestimmten Aktionen im Support.

Deine Nutzer brauchen Hilfe für Dinge die in euren Augen selbsterklärend sind. Doch dem Nutzer ist überhaupt nicht klar, wo er die Filterfunktion im Dashboard genau findet und was „Vorgang konnte nicht abgeschlossen werden“ genau bedeutet. Er stellt sich die Frage: „Was muss ich jetzt tun, um weiter zu machen?“

Diese Anfragen zu bearbeiten, kostet dein Team viel Zeit. Und es entsteht Frust, wenn dieselben Fragen immer wieder auftauchen und beantwortet werden müssen. Der Frust der Kunden führt irgendwann zu Vertrauensverlust in das Produkt und ins Unternehmen. Denn diese sich wiederholenden Supportanfragen sind ein eindeutiges Signal dafür, dass die Anwendung ihre Aufgabe nicht vollständig erfüllt.

In diesem Artikel zeige ich dir wie du diese Signale erkennst und wie du gezielt eingreifen kannst ohne ein komplettes Redesign und große Investitionen.

Artikelübersicht

Warum dein Interface eine andere Sprache spricht als deine Nutzer

Wer Software baut, denkt anders als jemand der sie täglich nutzt

B2B-Software entsteht meist unter Zeitdruck und mit Fokus auf Funktionalität. Wer Funktionen baut, benennt sie nach der Logik die er kennt und die bei der Entwicklung hilfreich sind. Für das Entwicklungsteam sind „Instanz erstellen“ oder „Datensatz verknüpfen“ verständliche Begriffe. Für einen Mitarbeiter, der einfach nur ein Angebot anlegen will, ist das eine fremde Sprache.

Das eigentliche Problem ist nicht der einzelne Begriff. Es ist die Summe dieser kleinen Stolperstellen, die sich durch die gesamte Anwendung zieht. Jedes Mal wenn ein Nutzer eine Sekunde länger nachdenken muss, weil eine Bezeichnung nicht sofort verständlich ist, kostet das Energie. Energie die er eigentlich für seine Arbeit braucht.

Die Sprache der Aufgaben vs. die Sprache der Systeme

Nutzer denken in Aufgaben und Zielen und nicht in Systemarchitektur. Wenn die Benutzeroberfläche diese Sprache nicht spricht, entsteht eine permanente Lücke zwischen dem was der Nutzer will und dem was er sieht.

Was dann passiert kennen viele Produktteams, ordnen es aber selten richtig ein. Nutzer finden ihre eigenen Wege durch die Anwendung. Sie merken sich Klickpfade die irgendwie funktionieren und finden Workarounds. Und sie geben dieses Wissen an neue Kollegen weiter.

Das Onboarding wäre eigentlich der Moment wo solche Schwachstellen sichtbar werden. Die neuen Kollegen kommen ohne Vorwissen und stolpern genau an den Stellen wo das System nicht verständlich ist. Doch sie nehmen an, dass sie sich einfach noch nicht gut auskennen. Sie fragen nach und bekommen den Workaround erklärt. Das Problem bleibt dadurch meist unsichtbar.

Mein Tipp: Schau dir die Supportanfragen der letzten drei Monate an. Welche Fragen und Probleme tauchen immer wieder auf? Welche Funktionen werden zum Beispiel häufig gesucht, obwohl sie vorhanden sind? Genau an diesen Stellen sprechen Interface und Nutzer aneinander vorbei.

Wie Software-Logik zur Hürde für Nutzer wird

Interne Logik und Nutzer-Logik sind selten dieselbe

Jede Anwendung hat eine interne Datenstruktur. Wie Objekte miteinander verknüpft sind, welche Abhängigkeiten existieren, in welcher Reihenfolge Daten angelegt werden müssen. Diese Struktur macht technisch Sinn. Sie ins Interface zu übertragen macht es aber oft unnötig komplex.

Ein Beispiel:
Ein Nutzer möchte ein Angebot anlegen. Er sucht nach einem Button „Neu“ oder „Erstellen“. Stattdessen muss er zuerst einen Kunden auswählen, dann ein Projekt zuordnen, als nächstes eine Phase definieren, bevor er überhaupt das Angebotsformular sieht. Jeder dieser Schritte hat aus Sicht des Systems einen Grund. Aus Nutzersicht ist es ein Hindernislauf vor der eigentlichen Aufgabe.

Das ist kein Extrembeispiel. Es ist ein Muster das sich in fast jeder gewachsenen B2B-Anwendung findet.

Was das bei Vielnutzern anrichtet

Für jemanden der täglich sechs bis acht Stunden mit der Anwendung arbeitet, summiert sich jede unnötige Zwischenstation und vergebliche Suche nach dem richtigen Menüpunkt. Was im Einzelnen kaum auffällt, summiert sich und wird zur täglichen Belastung. In einer Anwendung die zwanzig Mitarbeiter täglich nutzen, multipliziert sich jede Reibungsstelle entsprechend.

Mein Tipp: Bitte jemanden der deine Anwendung noch nicht kennt eine konkrete Aufgabe zu erledigen. Dann schau einfach zu und halte dich zurück. Greif nicht ein oder erkläre nichts ausführlich. Die Stellen wo dein Gegenüber zögert, nachfragt oder neu ansetzt, zeigen dir wo dein Interface seine Aufgabe noch nicht erfüllt.

Warum Fehlerzustände mehr Schaden anrichten als du denkst

Das ist der Bereich der in fast jeder B2B-Anwendung unterschätzt wird und der im Nutzungsalltag unverhältnismäßig viel Verwirrung erzeugt.

Was passiert wenn etwas nicht wie erwartet aussieht

Eine leere Tabelle ohne Erklärung lässt offen ob der Nutzer etwas falsch gemacht hat, ob ein Filter aktiv ist der Daten ausblendet, oder ob schlicht noch nichts vorhanden ist. Drei völlig verschiedene Situationen, die im Interface identisch aussehen. Der Nutzer tippt ins Dunkle.

Eine Fehlermeldung wie „Error 422″ oder „Unbekannter Fehler“ erklärt nicht was passiert ist, nicht warum es passiert ist, und vor allem nicht was der Nutzer tun soll. Das Ergebnis ist ein Support-Ticket.

Ein Ladebildschirm ohne Fortschrittsanzeige bei einem Export der dreißig Sekunden dauert erzeugt Unsicherheit. Hat der Nutzer auf den richtigen Button geklickt? Läuft der Prozess noch? Soll er warten oder neu versuchen? Ohne Rückmeldung des Systems bleibt er allein mit diesen Fragen.

Warum diese Zustände so häufig vernachlässigt werden

In der Entwicklung werden diese Zustände oft als Edge Cases behandelt. Sie kommen seltener vor als der Normalfall, also werden sie als nachrangig eingestuft. Im Nutzungsalltag sind sie aber keine Ausnahmen. Jeder neue Nutzer sieht leere Zustände. Jeder Nutzer begegnet früher oder später einer Fehlermeldung. Jeder Nutzer wartet irgendwann auf einen Prozess.

Hinweis: Wenn diese Momente nicht gestaltet sind, wirken sie wie Fehler – auch wenn technisch alles stimmt. Eine Anwendung die in schwierigen Momenten klare Orientierung gibt wird als zuverlässig wahrgenommen. Eine die es nicht tut, als fehleranfällig. Unabhängig davon wie gut der eigentliche Code ist.

Was passiert wenn das Interface nie aus Nutzersicht betrachtet wurde

Gebaut für Funktionalität, nicht für Verwendbarkeit

Die meisten B2B-Anwendungen entstehen mit dem Fokus auf Vollständigkeit. Alle Funktionen sollen vorhanden sein, alle Anforderungen abgedeckt, alle Daten zugänglich. Das ist der richtige Ausgangspunkt. Aber Vollständigkeit und Verwendbarkeit sind zwei verschiedene Dinge.

Eine Anwendung kann alles können und trotzdem schwer zu bedienen sein. Nicht weil die Funktionen fehlen, sondern weil sie so präsentiert werden dass Nutzer sie nicht finden, nicht verstehen oder nicht effizient nutzen können. Der Unterschied zwischen einer Anwendung die alles kann und einer die alles kann und dabei einfach zu bedienen ist, ist kein Feature. Es ist Gestaltung.

Was mit dem Produkt passiert wenn es wächst

Software wächst. Features kommen dazu, Anforderungen ändern sich, Nutzergruppen erweitern sich. Was als schlankes Tool gestartet ist, wird über Jahre zu einer Anwendung mit dutzenden Funktionen, verschachtelten Menüs und Einstellungen die kaum jemand kennt.

Dieser Wachstumsprozess ist normal. Das Problem entsteht wenn das Interface mit jedem neuen Feature organisch wächst, aber nie strukturell überarbeitet wird. Navigation wird komplexer. Bezeichnungen werden inkonsistent. Abläufe die früher drei Schritte hatten, haben jetzt sieben. Und irgendwann rufen Nutzer an.

Mein Tipp: Schau dir an wie viele Menüpunkte deine Navigation heute hat verglichen mit dem Launch-Zustand. Schau dir an ob neue Features denselben Designprinzipien folgen wie die ursprüngliche Anwendung. Inkonsistenz ist oft das erste sichtbare Zeichen dass das Interface dem Produkt hinterherläuft.

Welche Signale du heute schon in deinem Produkt erkennst

Du brauchst keine aufwändige Nutzerstudie um erste Hinweise zu bekommen. Die Signale sind meistens bereits vorhanden. Sie werden nur nicht als UX-Problem gelesen.

Supportanfragen zur Bedienung

Wenn Nutzer fragen wie eine Funktion die seit Monaten im System ist verwendet wird, ist das kein Schulungsproblem. Es ist ein Interface-Problem. Der Unterschied ist wichtig weil die Konsequenz eine andere ist. Schulungen lösen Interface-Probleme nicht. Sie kaschieren sie vorübergehend, bis der nächste neue Mitarbeiter dieselbe Frage stellt.

Interne Anleitungen und Wikis

Wenn dein Team Dokumentation erstellt hat die erklärt wie bestimmte Abläufe in der Software funktionieren, nicht weil die Funktion fachlich komplex ist, sondern weil die Bedienung es ist, dann kompensiert diese Dokumentation ein Interface-Defizit. Das ist keine Kritik am Team. Es ist eine ehrliche Diagnose.

Immer dieselben Fragen von neuen Nutzern

Wenn jeder neue Mitarbeiter dieselben drei Fragen stellt, haben diese Fragen eine Antwort verdient. Direkt im Interface, nicht im Onboarding-Gespräch mit einem Kollegen der gerade eigentlich keine Zeit hat.

Hohe Klickzahlen auf einfachen Pfaden

Wenn Analytics zeigt dass Nutzer für eine einfache Aufgabe viele Seiten aufrufen oder häufig zurücknavigieren, suchen sie den richtigen Weg. Sie finden ihn nicht sofort. Jede Rückkehr-Navigation ist ein Hinweis auf eine Lücke im Interface.

Mein Tipp: Frag dein Support-Team welche Fragen sie in den letzten sechs Monaten am häufigsten beantwortet haben. Dann schau dir an ob diese Antworten im Interface selbst sichtbar sind. Meistens sind sie es nicht.

Warum Betriebsblindheit im Produktteam das größte Hindernis ist

Vertrautheit macht blind

Nach zwei Jahren mit derselben Anwendung sieht das eigene Team vieles nicht mehr. Nicht weil es nicht kompetent wäre, sondern weil Vertrautheit anders wahrgenommen wird als Klarheit. Abläufe die für neue Nutzer verwirrend sind fühlen sich intern längst selbstverständlich an. Bezeichnungen die niemand auf Anhieb versteht sind für das Team längst Teil des Vokabulars.

Das ist kein Versagen. Das ist menschlich. Und es ist einer der Hauptgründe warum interne UX-Reviews begrenzte Aussagekraft haben, wenn das Team das Interface täglich benutzt.

Der Wert des externen Blicks

Ein Blick von außen sieht die Anwendung so wie neue Nutzer sie sehen. Ohne das Kontextwissen das intern selbstverständlich ist. Ohne die Gewöhnung an Abläufe die eigentlich umständlich sind. Dieser Blick ist nicht besser als der interne. Er ist anders. Und dieser Unterschied ist oft der Ausgangspunkt für Verbesserungen die tatsächlich etwas verändern.

Was gezieltes Eingreifen bedeutet und wann ein Redesign die falsche Antwort ist

Schlechte UX ist selten ein Argument für ein komplettes Redesign. Das ist die häufigste Fehlannahme die ich in Gesprächen mit Produktteams höre. Ein Redesign kostet Monate, bindet Entwicklungskapazität, und löst oft nicht die Probleme die tatsächlich Reibung verursachen.

Die Realität sieht anders aus. Meistens sind es wenige Flows, wenige Screens, wenige Formulare die den Großteil der Reibung erzeugen. Das 80/20-Prinzip gilt hier fast immer. Wer weiß wo, kann gezielt eingreifen. Ohne das Produkt auf den Kopf zu stellen. Ohne monatelange Entwicklungsarbeit. Ohne das Risiko das ein komplettes Redesign mitbringt.

Der erste Schritt dafür ist ein klares Bild davon wo genau die Probleme sitzen. Nicht eine Liste von Meinungen aus dem Team, sondern eine strukturierte Analyse des Ist-Zustands mit Prioritäten nach Relevanz und Auswirkung.

Fazit

Wenn Nutzer das Handbuch aufschlagen, Support anrufen oder Kollegen fragen, ist das kein Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit. Es ist ein Zeichen dass das Interface Fragen offen lässt die es beantworten könnte. Die Ursachen sind in B2B-Software fast immer dieselben: Sprache die nicht zur Zielgruppe passt, Abläufe die der Software statt dem Nutzer folgen, Zustände ohne Orientierung, und ein Interface das mit dem Produkt gewachsen ist ohne strukturell mitzuwachsen. Diese Probleme lassen sich finden. Und sie lassen sich beheben – ohne alles neu zu bauen.

Erkennst du das in deiner Anwendung?

Wenn du das Gefühl hast dass deine Nutzer mehr Unterstützung brauchen als eigentlich nötig wäre, lass uns kurz darüber sprechen. Ich schaue mir an welcher Bereich in deiner Anwendung den größten Handlungsbedarf hat. Kostenlos. Unverbindlich.

Gespräch vereinbaren

Manuela Aksu Hi, ich bin Manuela, UI Designerin aus München. Auf meinem Blog teile ich mein Wissen rund um UX/UI Design. Du findest hier praktische Anleitungen, erprobte Methoden und wertvolle Tipps für die Entwicklung erfolgreicher Interfaces. Zwischendurch bekommst du ehrliche Einblicke in meinen Arbeitsalltag als Freelancerin.

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